Kretzen Friederike

Friederike Kretzen wurde am 20. Juli 1956 in Leverkusen geboren. Sie studierte Soziologie, Ethnologie und Politikwissenschaften an der Universität Giessen. Schon während des Studiums begann sie eine eigene Theatergruppe aufzubauen und erste Essays zu veröffentlichen. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie zunächst als Regieassistentin am Giessener Stadttheater, dann als Dramaturgin am Bayrischen Staatstheater. 1983 zog sie nach Basel, wo sie seitdem als freie Schriftstellerin lebt. Ihren zweiten Wohnsitz hat sie in Venedig. Friederike Kretzens Literatur ist eine Literatur der Umkehrung. Sie beschreibt mit absoluter Selbstverständlichkeit das genaue Gegenteil von dem, was man erwartet. Man erwartet Tragik und findet Humor, man erwartet Witz und stösst auf Grässliches, man erwartet Verstand und ist mit Irrsinn konfrontiert, man erwartet Surrealistisches und bricht in die Realität. Ihr erster Roman "Die Souffleuse" (1989), der erste Teil einer Trilogie mit dem Titel "Frauen ohne Männer", hat ihr viel Anerkennung eingebracht. Er war ausserdem in einer Hörspielfassung ein Erfolg und sorgte als Theaterstück im Keller des Zürcher Schauspielhauses für etliche Aufregung. Der Roman ist ein einziges langes, inneres Selbstgespräch jener Frau, die tief unten sitzt, im Kasten nämlich unter der Bühne, ungesehen, nie gehört: alle Dialoge, jede Handlung spielen sich ja oberhalb ihres Daseins und auch Zuständigkeitsbereichs ab. Sie selbst hat keinen Partner. Die beiden folgenden Teile der Trilogie heissen "Die Probe" (1991) und "Ihr blöden Weiber" (1993).

Links
kretzen.info
www.srf.ch/player/radio/reflexe/audio/monatsgast-die-schriftstellerin-friederike-kretzen?id=2aa5b67d-99d6-4c5b-8462-9ecd6b7e1e56
vimeo.com/38159581

Werke:
  • Die Souffleuse. Zürich: Nagel & Kimche, 1989
  • Die Probe. Zürich: Nagel & Kimche, 1991
  • Ihr blöden Weiber. Zürich: Nagel & Kimche, 1993
  • Indianer. Köln: Bruckner & Thünker, 1996
  • Ich bin ein Hügel. Zürich: Nagel & Kimche, 1998
  • Übungen zu einem Aufstand. Roman. Frankfurt/M.: Stroemfeld, 2002
  • Natascha, Veronique und Paul. Frankfurt a. M.: Stroemfeld, 2012

Auszeichnungen:
  • Werkbeiträge der Migros-Genossenschaft, der Pro Helvetia, von Basel Stadt und Basel Land (seit 1988)
  • Einjähriges London-Stipendium der Stiftung Landis & Gyr (1993)
  • Werkjahr der Pro Helvetia (1995)
  • Werkjahr der Literaturkommission der Stadt Basel (1995)
  • Deutscher Kritikerpreis für Literatur (1999)
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (2003)

Textausschnitt aus "Ihr blöden Weiber" [S. 97-98]

Das sind die Früchte des Alters; Männerwracks. Und wir Frauen spielen unermüdlich Herzkirsche mit Schokoladenseite. Die Zeit ist abgereist, zwar hock ich noch im Zimmer bei Sophie und stammel - wie oft ich es mir vorgestellt habe, nun soll es wirklich, wirklich ..., ist es auch Schätzchen, doch an den Fingerbeeren? Luft, und mancher Nebel? Vergiss es, und dennoch seh ich dich vor mir, Stern, am Morgen in aller Frühe mit dem Pferdewagen in eine schmale, unberührte Landschaft einbrechen, du erwischst sie beim Auftauchen. Die Sonne kommt über den Berg und lässt sich fallen. Die Luft ist ein Licht im Tal. Der Wagen hält, du steigst aus, läufst los. Du bist ja noch jung, ganz schmerzhaft. Ich denke noch einmal an dich im See, im Wasser, deine Augen sehen in den Himmel, hallo. Der Leichttänzer soll mir seine Hand geben, ich brauch sie hier am Tisch, schön ausstrecken, flachhauen.

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