Keller Christoph

Christoph Keller wurde am 22. Dezember 1963 als jüngster Sohn einer Fabrikantenfamilie in St.Gallen geboren, wo er auch aufgewachsen ist und die Schulen besucht hat. Im Alter von vierzehn Jahren erhält er die gleiche erschütternde Prognose wie seine zwei älteren Brüder: Keller leidet an einer unheilbaren Muskelkrankheit (SMA), bei der in Schüben nach und nach die Kontrolle über die eigenen Muskeln verloren geht. Im selben Jahr geht auch der Gewerbebetrieb des Vaters Konkurs, was zu schwerwiegenden familiären Problemen führt. Beide Schicksalsschläge wurden später wichtig für Kellers literarisches Schaffen. Von 1984 bis 1991 studierte Keller in Genf und Konstanz Slawistik und Amerikanistik. Noch während seiner Studienzeit veröffentlichte er 1988 den Debutroman „Gulp“, der freundlich aufgenommen wurde. Es folgten weitere Werke, darunter auch zwei Faxromane zusammen mit Heinrich Kuhn unter dem Pseudonym Keller+Kuhn und Texte für die Bühne. Christoph Keller arbeitet heute als Publizist, Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen. Er ist mit der amerikanischen Lyrikerin Jan Heller Levi verheiratet und lebt in St.Gallen und New York. (Fotografie: Hanspeter Schiess)

Werke:
  • Gulp. Eine Karriere. Roman. Zürich: Benziger, 1988
  • Wie ist das Wetter in Boulder? Erzählungen. Frankfurt/M.: S.Fischer, 1991
  • Kalter Frieden. Theaterstück. St.Gallen, 1991
  • Der Sitzgott. Stuhlvariationen. Monolog. Eggingen: Edition Isele, 1994, Uraufführung: Bregenz 1998
  • Unterm Strich. Mit H. Kuhn. Roman. Düsseldorf: Econ, 1994
  • Ich hätte das Land gern flach. Roman. Frankfurt/M.: S.Fischer, 1996
  • Die blauen Wunder. Mit H.Kuhn. Faxroman. Leipzig: Reclam, 1997
  • Herumstreunende Bären unterm Höllenhimmel. Essays. Eggingen: Edition Isele, 1997
  • Im Zustand der Fuge. Erzählung. St.Gallen: Sabon, 2000
  • Moskauer Gambit. Roman. Frankfurt/M.: S.Fischer, 2001
  • Ballerina. Theaterstück. Bregenz, 2003
  • Der beste Tänzer. Autobiographischer Roman. Frankfurt/M.: S.Fischer, 2003
  • A few familiar things / Einige vertraute Dinge. Erzählung. Mit Zeichnungen von Oliver Krähenbühl. Winterthur: Remise-Verlag, 2003
  • Die Stiftung. Theaterstück. Saarbrücken, 2004
  • Der Stand der letzten Dinge. Roman. Zürich: Limmat Verlag, 2008

Auszeichnungen:
  • Förderpreis Stadt St.Gallen (1988)
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (1989 / 1996)
  • Kurt-Adler-Preis (1992)
  • Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz (1994)
  • Förderpreis Stadt St.Gallen (Autorenduo Keller+Kuhn) (1998)
  • div. Werkbeiträge Stadt und Kanton St.Gallen

Textausschnitt aus "Ich hätte das Land gern flach" [S. 226-227]

Sein Ton war fordernd. Ich meine, Franz hatte auf diesen Augenblick gewartet, unbewusst vielleicht. Ich wich zurück und schüttelte den Kopf. Er nahm mir das Glas aus der Hand und stellte es auf die Kommode. Die Waffe in der Hand, kam er näher. Er stand zwischen mir und der offenen Tür. Plötzlich hielt ich sie. Die Waffe war unerwartet schwer, mein Arm senkte sich. Franz packte mich an den Schultern und drehte mich herum. Er war grob. Breitbeinig stellte er sich hinter mich. Sein Körper drückte sich an meine, seine Arme legten sich auf meine, die Hände stülpten sich über meine, welche die Waffe hielten. Lang und schwarz waren seine Fingernägel. Ich roch Fett. Ich vermochte kaum, die Waffe zu halten. Er nahm meinen Zeigefinger und zwängte ihn durch die Öffnung des Abzuges. Ich konnte ihn nicht zurückziehen. Zwecklos, schon berührte er den Abzug. Ich hielt den Atem an. Mein Finger erschlaffte. Sein Körper presste sich enger an meinen, umschloss mich von allen Seiten, die Waffe, mein verlängerter Arm, sein drängendes Geschlecht. Er keuchte. Ich schloss die Augen, schrie und riss mich los, da feuerte die Waffe ab. Ich feuerte sie ab.

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