Kauer Walter

Walther Kauer wurde am 4.9.1935 in Bern geboren. Nach dem Besuch der "Ecole des Arts et Métiers" in Neuenburg liess er sich zum Heilpädagogen ausbilden. Er studierte eine Zeit lang an der Freien Universität Berlin und absolvierte eine journalistische Ausbildung als Volontär und Redaktor. Kauer lebte lange Zeit in Castasegna, zuletzt in Murten. Er verunfallte am 27.4.1987 mit dem Motorrad tödlich. Im Jahr 1974 erschien Kauers Roman "Schachteltraum". Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Arbeiterkindes Georg Knecht, dessen Vater als Interbrigadist in Spanien gefallen ist. In "Spätholz" (1976) erzählt er die Geschichte eines alten Kleinbauern in einem abgelegenen Tessiner Tal, der einen vom Vater für den Sohn gepflanzten Nussbaum fällen lassen soll, weil ein bundesdeutscher Industrieller für sich freie Sicht auf den See verlangt. Kauers Held wartet, zu verzweifeltem Widerstand entschlossen, mit dem Gewehr auf die Gemeindebeamten und überdenkt dabei sein Leben und die Geschichte des Dorfes.

Links
www.woz.ch/artikel/inhalt/2005/nr01/Kultur/11175.html
www.videoportal.sf.tv/video?id=042997fe-7b49-4bc0-9fd4-8c507f05a70d
www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Ich-will-endlich-leben-arbeiten-und-den-Sozialismus/story/22919493

Werke:
  • Grüner Strom und schwarze Erde. Zürich: Genossenschafts-Verlag Progressive Schriftsteller und Leser, 1968
  • Der Held. Kurzerzählung. Zürich: Verlag Um die Ecke, 1969
  • Du sollst nicht... Kurzerzählung. Zürich: Verlag Um die Ecke, 1969
  • Schachteltraum. Berlin, DDR: Volk und Welt, 1974
  • Schweizer Erkundungen. Berlin, DDR: Volk und Welt, 1975
  • Spätholz. Zürich: Benziger, 1976
  • Abseitsfalle. Zürich: Benziger, 1977
  • Tellereisen. Zürich: Benziger, 1979
  • Weckergerassel. Zehn vergnügliche Geschichten. Zürich: Benziger, 1981
  • Schwelbrände. Zürich: Benziger, 1983
  • Bittersalz. Zürich: Benziger, 1984
  • Gastlosen. Münsingen: Fischer-Druck, 1986

Auszeichnungen:
  • Preis der Gesellschaft Schweizerischer Dramatiker (1972)
  • Preis des Kantons Aargau (1973)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1975)
  • Preis der Stadt Zürich (1976)
  • Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis (1976)
  • Preis des Kantons Bern (1977 )
  • Buchpreis der Stadt Bern (1980)

Textausschnitt aus "Spätholz" [S. 7-8]

Rocco war nur ein alter Bauer. Viele Bücher hatte er nie gelesen. Da war einmal die harte Arbeit an den Terrassenäckern seines Hofes hoch über der wilden Terza und weitab vom Dorf Terzone, das auf der anderen Talseite lag. Und dann war es so, dass sich die Familie abends um die einzige Petrollampe in der Küche scharen musste. Das Licht dieser Petrollampe hätte nicht ausgereicht, um Bücher zu lesen. Ausserdem wurde am Petroleum gespart, weil man es kaufen musste, drüben im Dorf, beim Krämer. Das war in der Familie Canonica schon immer so gewesen, seit Rocco sich erinnern konnte. Man hatte sich die Lokalzeitung gehalten, den "Corriere" - der Marktberichte und der schwarz umrandeten Traueranzeigen wegen. Aus den Marktberichten wusste Rocco um Kauf und Lauf und um das Leben in seinem Tal Terzone. Aus den Todesanzeigen ersah er die Frist, die jedem gesetzt ist. Seiner Alterskameraden wurden immer weniger. Damals als er, eine halbe Ewigkeit war es her, drüben im Dorf auf der andern Talseite seine sechs Schuljahre in der einklassigen Gemeindeschule beim Lehrer Casanova abgesessen, da zwängten sich in der Schulstube im ersten Stock des Gemeindehauses noch über fünfzig Kinder, Buben und Mädchen, in die Schulbänke. Jetzt lebten im ganzen Dorf keine fünfzig Menschen mehr, wenn man von den Feriengästen absah, die den Sommer über in den alten Häusern wohnten, und von den paar Fremden, die im Terzone ihre Villen gebaut hatten. Die Mehrzahl der Terzoner Häuser stand leer.

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