Jaeggi Urs

Urs Jaeggi wurde am 23.6.1931 in Solothurn geboren. Nach einer Banklehre und mehrjähriger Tätigkeit im Finanzbereich entschloss er sich zum Besuch des Abendgymnasiums. Ab 1955 studierte Jaeggi Nationalökonomie in Genf, Bern und Berlin. Nach seiner Dissertation 1959 war er einige Jahre Assistent und hatte ab 1964 verschiedene Lehrstühle für Soziologie inne (Bern, Bochum, Berlin, New York). 1993 beendete Jaeggi seine Lehrtätigkeit. Er lebt in Berlin. Erste Gedichte veröffentlichte er in Tageszeitungen, für welche er auch Theater- und Kunstkritiken verfasste. Jaeggis Werk umfasst neben den wissenschaftlichen Veröffentlichungen vor allem Romane und Erzählungen. Über die Jahre ist sein Interesse an Malen und Zeichnen gewachsen. Ausstellungen in zahlreichen Museen und Galerien seit den achtziger Jahren zeugen von seiner Arbeit. Ein wichtiger Teil ist auch die Bildende Kunst, auf welche sich der in Berlin lebende Jaeggi in den letzten Jahren konzentriert hat.

Links
www.universes-in-universe.de/jaeggi/bio_de.htm
www.srf.ch/kultur/literatur/solothurner-literaturtage/eines-der-letzten-universalgenies-urs-jaeggi

Werke:
  • Die Wohltaten des Mondes. Erzählungen. München: Piper, 1963
  • Die Komplicen. München: Piper, 1964
  • Ein Mann geht vorbei. Zürich: Benziger, 1968
  • Literatur und Politik. Ein Essay. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1972
  • Für und wider die revolutionäre Ungeduld. Aufsätze und Notizen. Zürich: Benziger, 1972
  • Geschichten über uns. Ein Realienbuch. Frankfurt/M.: S.Fischer, 1973
  • Brandeis. Darmstadt: H.Luchterhand, 1978
  • Grundrisse. Darmstadt: H.Luchterhand, 1981
  • Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Aufsätze. Darmstadt: H.Luchterhand, 1981
  • Versuch über den Verrat. Darmstadt: H.Luchterhand, 1984
  • Fazil und Johanna. Erzählungen. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1985 (Neudruck verschiedener Erzählungen und Erstveröffentlichungen)
  • Heicho. Lyrik. Mit Illustrationen von Schang Hutter und hochdeutscher Übersetzung. Berlin: Neue Gesellschaft für Literatur, Edition Mariannenpresse, 1985
  • Rimpler. Zürich: Ammann, 1987
  • Soulthorn. Zürich: Ammann, 1990
  • Lange Jahre Stille als Geräusch. s.l.: Edition Wewerka, 1999
  • 68 - Zürich steht Kopf. Zürich: Scheidegger & Spiess, 2008
  • Durcheinandergesellschaft. Frauenfeld: Huber, 2008
  • Weder Noch Etwas. Klagenfurt: Ritter, 2008
  • Wie wir. Roman. Frauenfeld: Huber, 2009
  • Eudora. Frauenfeld: Huber, 2010
  • Folliesophie. Lyrik und Prosa 2007-2012. Wien: Klever, 2013
  • Kunst ist überall. Klagenfurt: Ritter, 2014
  • Heimspiele. Prosa. Klagenfurt: Ritter, 2015

Auszeichnungen:
  • 1.Preis für ein Bühnenwerk, Wiener Experimentier-Theater (1962)
  • Literaturpreis der Stadt Bern (1963)
  • Literaturpreis der Stadt Berlin (1964)
  • Theodor-Heuss-Professorship New School for Social Research New York (1970/71)
  • Literaturpreis des Kantons Bern (1978)
  • Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt (1981)
  • Swiss Lecturership durch Pro Helvetia in New York (1986)
  • Kunstpreis des Kantons Solothurn (1987)
  • Niederösterreichischer Kunstpreis K.N.O.T.E.N. (1997)

Textausschnitt aus "Soulthorn" [S. 51]

„Fluchtwege“, sagte Banholzer. „Als Kind, drei Jahre alt, musste ich mit meiner Mutter immer wieder fliehen. Bombenangriffe, überfüllte Züge, Ruinen und Tote, herumliegende Menschen. Es sind die ersten mir bewussten Erfahrungen.“
Kocher ging auf und ab. Er sah auf sein altes Schulhaus hinunter, in welchem jetzt die Polizei untergebracht war. „Ich kenne nur die Bilder, Banholzer. Du hast kurz vor Karlsruhe gesagt, man werde nicht zufällig in ein Land hineingeboren, man suche es sich aus. Ja, vielleicht, aber wie denn? Habe ich mir Soulthorn ausgesucht? Wann merkte ich zum ersten Mal, wie ich einen anderen wahrnahm, oder einen Baum sah, einen Stein, nicht einfach so, sondern bewusst? Wir wissen, dass Zusammenhänge, wie wir sie konstruieren, keine exakten Abbildungen der Realität sind; wir definieren Funktionen und Strukturen, brauchen Gefundenes oder missbrauchen es. Etwas, das es vor unserer Geburt noch nicht gibt, wird zu unserem Ich, wählt sich einen Platz aus, versucht ihn zu verteidigen. Dieses Ich riecht, hört und sieht mit. Es gegen andere Namen auszutauschen, hilft nichts. Gewiss, die Welt ist voll von unseren Schreien, aber...“

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