Huonder Silvio

Silvio Huonder wurde am 6. Oktober 1954 in Chur im Kanton Graubünden geboren. 1987 erhielt er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz, Österreich, das Diplom und den Magister Artium. Er schreibt Kurzgeschichten und Aufsätze in Anthologien und Zeitschriften. Seit 1990 lebt er in Berlin, wo er 1994 den Studiengang "Szenisches Schreiben" an der Hochschule der Künste abschloss. Zuletzt ist er mit dem Roman "Übungsheft der Liebe" (1998) hervorgetreten. Neben seinen Prosaarbeiten schreibt Silvio Huonder auch Theaterstücke.

Links
www.silviohuonder.de
www.art-tv.ch/3786-0-silvio-huonder--dicht-am-wasser.html

Werke:
  • Die Holzfresser. Uraufführung: Zug, 1988
  • Vincent. Uraufführung: München, 1991
  • Feuerlilli. Uraufführung: Freiburg i. Br., 1993
  • Schneller Wohnen. Uraufführung: Hamburg, 1996
  • Adalina. Hamburg / Zürich: Arche, 1997
  • Übungsheft der Liebe. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1998
  • Valentinsnacht. Zürich: Nagel & Kimche, 2006
  • Wieder ein Jahr, abends am See. Erzählungen. Zürich: Nagel & Kimche, 2008
  • Dicht am Wasser. Zürich: Nagel & Kimche, 2009
  • Die Dunkelheit in den Bergen. Zürich: Nagel & Kimche, 2012
  • Feuerlilli. Kinderbuch. Chur: Desertina, 2012

Auszeichnungen:
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (2004)
  • Literaturpreis des Mitteldeutschen Rundfunks MDR (2005)
  • Bündner Literaturpreis (2013)

Textausschnitt aus "Übungsheft der Liebe" [S. 7]

Eine junge Frau allein im Zug. Sie sieht exotisch aus mit der Leopardenmütze, dem kurzen Wildlederrock, hauchdünnen schwarzen Strümpfen, Schaftstiefeln und einer Bluse in kunstseidenem Orange. Sie nimmt die Mütze ab, steckt sie in die goldgesteppte Tasche, schüttelt die Haare, mausblond, glatt wie strömendes Wasser, am Ohrläppchen haarfeine Silberringe, der Mund ein grelles Rot, immer leicht geöffnet, als wäre sie etwas ausser Atem. Karin, denke ich, schminkt sich nie. Born to be wild - das ist von heute an meine Parole. Wirf dein Herz voraus und folge ihm! Also setze ich mich sofort, obwohl das Raucherabteil ansonsten vollkommen leer ist, zu der schönen Unbekannten hin. Sie ist etwa zwanzig, wie ich, und lacht mich an, als hätten wir uns verabredet. Bin extrem unruhig heute morgen. Wochenlang habe ich auf diesen Tag gewartet, den 22. Mai, jetzt ist er da. Um elf Uhr werde ich geboren, um elf beginnt ein neues Zeitalter. Habe meine Tasche dabei, Kleider, das Übungsheft, paar Kugelschreiber. Noch eine gute Stunde bis elf, sagt die Uhr. Bin heute morgen von unserem Haus zum Bahnhof geschlichen. Wie ein Dieb auf der Flucht. Habe den Bahnsteig rauf- und runtergeschaut, ob keiner kommt, mich abzuholen.

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