Hürlimann Bettina

Bettina Hürlimann wurde am 19. Juni 1909 als Tochter des Verlegers und Buchhändlers Gustav Kiepenheuer in Weimar geboren. Ab 1918 wohnte die Familie in Potsdam, wo Hürlimann auch die Schulen besuchte und ihr Abitur machte. Entschlossen einen Beruf im Verlagswesen auszuüben, liess sie sich an der Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe, sowie am Bibliographischen Institut in Leipzig ausbilden. Die folgenden Jahre führten Bettina Hürlimann als Praktikantin für Typographie nach England und Berlin. 1933 heiratete sie den Verleger und Gründer des Atlantis-Verlags Martin Hürlimann. Seit 1936 arbeitete sie im Verlag mit, wo sie sich auf die Kinder- und Bilderbuchabteilung konzentrierte. Ende der Dreissiger Jahre übersiedelte die Familie nach Zollikon bei Zürich. Bettina Hürlimann leitete trotz der Belastung als vierfache Mutter (eine Tochter ist die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin Regine Schindler) bis 1974 die Bilderbuchabteilung bei Atlantis. Bettina Hürlimann starb am 9.Juli 1983. Hürlimann vertrat die Schweiz in zahlreichen internationalen Gremien der Kinder- und Jugendliteratur und engagierte sich für die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet. Daneben war sie als Journalistin für mehrere Zeitungen und Zeitschriften tätig. Grosse Bekanntheit erlangte die Verlegerin durch ihre vielgelesenen und in zahlreiche Sprachen übersetzten Sachbücher zur Kinder- und Jugendliteratur, die bis heute als Standardwerke gelten. Darin propagierte Hürlimann die Einheit der Gesamtliteratur und versuchte den Graben zwischen Schriften für die Erwachsenen und die Jugend zu überbrücken. Bettina Hürlimann war auch selber als Autorin und Übersetzerin von Kinderbüchern tätig. Von grosser Bedeutung ist die von ihr hinterlassene, umfangreiche Kinderbuchsammlung, die heute beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien zugänglich ist.

Links
ofv.ch/wp-content/uploads/2016/08/FL_ATL_A4_Chronik_H16_ES_web.pdf
www.nzz.ch/feuilleton/buecher/buecher-riechen-gut-1.18168531

Werke:
  • Michaels Haus. Eine Erzählung aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Zürich: Atlantis, 1949
  • Das Schiff aus Byzanz. Eine Erzählung. Zürich: Fretz, 1951
  • Gabriele und der Glasbläser. Eine Geschichte aus Venedig. S.l.: s.n., 1960
  • Europäische Kinderbücher in drei Jahrhunderten. Sachbuch. Zürich: Atlantis, 1959
  • Jean de Brunhoff. Ein Bilderbuchautor. Ravensburg: Maier, 1959
  • Ton in des Schöpfers Hand. Wien: Ueberreuter, 1963
  • Die Welt im Bilderbuch. Moderne Kinderbilderbücher aus 24 Ländern. Mit Elisabeth Waldmann. Sachbuch. Zürich: Atlantis, 1965
  • Klein und gross. Bilder von Marianne Scheel. Freiburg i.Br.: Atlantis, 1965
  • Der Knabe des Tell. Nach einer Erzählung von Jeremias Gotthelf. Mit Bildern von Paul Nussbaumer. Zürich: Atlantis, 1965
  • Barry. Bilderbuch. Mit Illustrationen von Paul Nussbaumer. Zürich: Atlantis, 1967
  • Sieben Häuser. Aufzeichnungen einer Bücherfrau. Autobiographie. Zürich / München: Artemis, 1976
  • Zwischenfall in Lerida und andere Texte von Bettina Hürlimann. Zürich: Atlantis, 1979

Textausschnitt aus "Der Knabe des Tell"

Und nun war für Tell die schwerste Stunde seines Lebens gekommen. Es gab kein Ausweichen. Wenn er sich weigerte, so war er ein Feigling, und er und sein Sohn mussten trotzdem sterben. Mit grösster Gründlichkeit prüfte er seine Armbrust. Auf dem ganzen Platz herrschte Totenstille. Der Knabe stand schon am Baum und sah allem aufmerksam zu. Man hatte ihm die Augen verbinden wollen, damit er nicht zusammenzucke wenn der Pfeil losschwirrte, aber er wollte alles sehen, was geschah. Und so sah er, wie sein Vater alle Pfeile, die er bei sich trug, genau anschaute, zwei auswählte und einen davon in den Gurt steckte. Den andern aber spannte er auf die Armbrust und legte mit aller Sorgfalt an. Kaum war der furchtbare Augenblick gekommen, war er auch schon vorbei. Der Knabe spürte wie der Apfel auf seinem Kopf zitterte und herunterfiel, und vor Stolz, Erleichterung und Glück wäre er beinahe in Tränen ausgebrochen. Einer der Soldaten sprang herzu und band ihn los. Sicher waren auch die Wachtsoldaten erleichtert , dass die Sache so ausgegangen war. Walter aber besann sich keinen Augenblick, trat zu Gessler und reichte ihm stolz den Apfel mit dem Pfeil.
Dann aber hielt ihn nichts mehr, und so schnell seine Beine ihn tragen konnten, sprang er erst zum Vater und dann zur Mutter, und beide schlossen ihn zärtlich in die Arme.

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