Hildesheimer Wolfgang

Wolfgang Hildesheimer wurde am 9. Dezember 1916 als Sohn eines jüdischen Ehepaars in Hamburg geboren. Er besuchte das Humanistische Gymnasium in Mannheim und die Frensham-Heights-School in England ehe er wegen der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nach Palästina emigrierte. Während vier Jahren blieb Hildesheimer im nahen Osten und arbeitete als Möbeltischler und Innenarchitekt. Von 1937 bis 1939 liess er sich in London zum Maler und Bühnenbildner ausbilden. Während den Kriegsjahren war er als englischer Informationsoffizier wieder in Palästina stationiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Hildesheimer Simultandolmetscher und Redakteur der Protokolle der Nürnberger Prozesse. Bis Ende der vierziger Jahre verdiente er sich zudem als Gebrauchsgraphiker und Journalist seinen Lebensunterhalt. 1950 entschied sich Wolfgang Hildesheimer für den Wechsel zur Schrifstellerei. Zu Beginn verfasste er vor allem Kurzgeschichten und Hörspiele, wechselte aber später ins dramatische Fach und galt als einer der ersten deutschen Vertreter des absurden Theaters, welches er als ein Theater der Parabel verstand. Hildesheimer machte sich auch einen Namen als Übersetzer. Von 1957 bis zu seinem Tod am 21. August 1991 lebte er im bündnerischen Poschiavo. Skepsis und Misstrauen prägen sein Werk. Als genauer Kenner des Nazi-Terrors geht es im nicht nur darum die deutsche Vergangenheit literarisch zu bewältigen. Die ganze Welt ist in Folge der fatalen Ereignisse zum unheimlichen Ort geworden. Dem absurden Dasein kann nur noch eine absurde Prosa gerecht werden. Neben diesen unversöhnlich scheinenden Pessimismus setzt Hildesheimer die Freude am Spiel und Ironie als Fluchtpunkte.

Links
www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7998&ausgabe=200504
www.spiegel.de/thema/wolfgang_hildesheimer/
www.zeit.de/1991/36/endlich-allein

Werke:
  • Lieblose Legenden. Kurzprosa. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1952. Erw. Neufassung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1962
  • Paradies der falschen Vögel. Roman. München: Desch, 1953
  • Die Eroberung der Prinzessin Turandot. Komödie. Weinheim, 1960
  • Die Verspätung. Ein Stück in zwei Teilen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1961
  • Vergebliche Aufzeichnungen / Nachtstück. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1963
  • Tynset. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1965
  • Mary Stuart. Eine historische Szene. Frankfurt/M: Suhrkamp, 1971
  • Masante. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1973
  • Das Ende der Fiktionen. 1975
  • Mozart. Biographie. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1977
  • Marbot. Eine Biographie. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1981
  • Mitteilungen an Max. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1983
  • Das Ende der Fiktionen. Reden aus fünfundzwanzig Jahren. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984
  • Endlich allein. Collage. 1984
  • Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht. 1986
  • In Erwartung der Nacht. Collage. 1986
  • Klage und Anklage. 1989
  • Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hg. von Christiaan L. Hart Nibbrig und Volker Jehle. Frankfurt/M.: 1991

Auszeichnungen:
  • Preis der Gruppe 47 (1952)
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden (1955)
  • Georg-Büchner-Preis (1966)
  • Bremer Literaturpreis (1966)
  • Premio Verinna-Lorenzon (1981)
  • Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1982)
  • Ehrenbürger von Poschiavo (1983)
  • Literaturpreis der Stadt Weilheim (1991)
  • Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung und der Berliner Akademie der Künste

Textausschnitt aus "Das Märchen vom Riesen" in "Lieblose Legenden" [S. 117]

Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Söhne. Der erste war arbeitsam und tapfer. Er bestellte seinem Vater das Feld (- der Vater brauchte es nur abzuholen-) und zog aus, das Land von Drachen, Räubern und anderen Schädlingen zu befreien. Der zweite aber war faul und lebte in den Tag hinein. Oft sprach der Vater zu ihm: „Du bist ein Faulpelz und wirst es niemals zu etwas bringen.“ Aber der Sohn scherte sich nicht darob. Er legte sich auf die Wiese und kaute an einem Grashalm.
Da geschah es, dass ein grosser Riese das Land bedrängte. Er frass den Bauern die Kühe, die Ziegen und die Bäuerinnen: es war eine grosse Not. Darum liess der König des Landes ausrufen, dass er den reichlich belohnen wolle, dem es gelänge, den Riesen zu töten. Als der erste Sohn diese Botschaft vernahm, schnürte er sein Ränzel und zog aus, um den Riesen zu töten, denn er wollte die schöne Königstochter gewinnen und die Hälfte des Königreichs obendrein. (Er wusste nämlich nicht, dass es des Königs Absicht war, den Riesentöter lediglich mit einer lebenslänglichen Rente und einer grosszügigen Versicherung abzufinden, denn persönlich waren ihm solche Leute unbequem.)

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