Greising Franziska

Franziska Greising wurde am 12. September 1943 in Luzern geboren. Nach dem Handelsdiplom und der Ausbildung zur Kindergärtnerin, war Greising unter anderem in der Erwachsenenbildung tätig. Sie war Mitglied der Kunst- und Kulturkommission der Stadt Luzern und lebt seit 2006 als freie Schriftstellerin in Luzern. 1983 erschien ihr vielbeachteter Erstling "Kammerstille". Er wurde 2016 in vierter Auflage als Taschenbuch und als e-book neu aufgelegt. Franziska Greisings Werk umfasst mehrere Theaterstücke, fünf Romane, davon eine Übersetzung aus dem Italienischen, ein Hörspiel, einen Erzählband, einen Gedichtband. 1995 entstand im Auftrag des Stadtpräsidenten "Luzern in zwölf Texten und 71 Bildern". Sie beteiligt sich seit Jahren an Anthologien und verfasste zahlreiche Kolumnen.

Links
www.franziskagreising.ch

Werke:
  • Kammerstille. Eine Erzählung. Luzern: Amacher, 1983
  • Der Gang eines mutmasslichen Abschieds. Geschichten. Zürich: SV International Schweizer Verlagshaus, 1989
  • Luzern in zwölf Texten und 71 Bildern. Ein Stadtbuch. Mit Bildern von Stephan Wicki. Luzern: Stadt Luzern, 1995
  • Und komm. Gedichte. Alpnach: M.Wallimann, 1997
  • Pfäfferwiiber. Ein Stück in dem Frauen Geschichten machen. Belp: Theaterverlag Elgg, 1997 (Einsiedeln, 1997)
  • Das Schweinewunder. Basel: Lenos, 2000
  • Danke, gut. Alpnach: Wallimann, 2011
  • Am Leben. Basel: Zytglogge, 2016

Auszeichnungen:
  • Werkpreis Luzerner Literaturpreiskommission (1983)
  • Stipendium DramatikerInnenförderung des Bundes (1986)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia
  • 1.Preis Innerschweizer TheaterautorInnenwettbewerb (1996)

Textausschnitt aus "Am Leben"

Sie stopft den kleinen Spiegel zurück in die Tasche zu Kamm, Zahnbürste und Hautcrème, zu den Jodtropfen für Verletzungen, der kleinen blauen Dose mit Vicks gegen Erkältung, und im Seitenfach steckt die Nagelschere. Sie trägt ihre Haube nie, schlüpft daher zum Schluss in die Schuhe, die soliden schwarzen Schuhe, bindet die Schürze wieder los und verlässt ihr Zimmer. Sieht unten im Hof einen Gendarmen stehen. Nur nicht laufen, sagt sie zu sich selber, lass ihn nicht ahnen, wie erschrocken du bist.

- Sind Sie die Directrice hier?, hört sie ihn fragen, kaum ist sie in den Hof getreten.
- Jawohl. Und Sie, wer sind Sie?
- Leutnant Gabrielle, Polizeioffizier.
- Was verschafft uns die Ehre?
- Sie sind ja ganz ausser Atem, Madame.
- Nicht dass ich wüsste, Herr Leutnant. Treten Sie ein.
- Ein romantischer Ort. Für Kinder ein Paradies, würde ich sagen, bemerkt dieser.

Er hat recht, an den Mauern Kletterrosen, davor der Kräuter- und Gemüsegarten, Augentrost entlang des Gemäuers und draussen, ausserhalb des Tors die Weite, die Ariège, die Stille, die Hügel.
Rose weiss, sie muss auf der Hut sein. Mit diesem Mann und insbesondere seinen Auftraggebern darf sie es nicht verderben. Er scheint gesprächsbereit und wünscht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie sieht es mit Erleichterung.

- Was darf ich Ihnen anbieten, Herr Leutnant?
- Danke, Madame, ich bin dienstlich hier. Obwohl, ich gebe es zu, ich wäre lieber ohne Auftrag gekommen, als Freund und Bewunderer. Mein Vater wurde im letzten Krieg schwer verwundet, einer Schweizerin im Lazarett hat er das Leben zu verdanken. Davon hat er oft erzählt.

Er dreht das Gesicht wieder dem Fenster zu, betrachtet die fernen schwer zu durchdringenden Wälder, die er so sehr liebt, in denen ihm sein Vater die Wildschweinjagd beigebracht hat. Nach einer längeren Pause fügt er an:

- Die Blutmühle von Verdun.
- Oh, sagt Rose.
- Es hätte keinen Krieg mehr geben dürfen, sinniert der Mann.
- Was bringt Sie her?
- Nichts, das sie ängstigen müsste, Madame, bloss eine Liste sollte ich haben. Namen und Geburtsdatum aller Kinder und Angestellten hier im Schloss. Nichts weiter. Gesetz vom 2. Juni. Alle Juden haben sich registrieren zu lassen.
- Ich kann ihnen gerne sagen, was Sie zu wissen wünschen.
- Eine schriftliche Liste, versteht sich.
- Auf wessen Befehl?
- Unsere Militärverwaltung.
- Die Liste die Sie wünschen, besitze ich nicht. Wir wissen nicht einmal von jedem Kind, wann es geboren wurde und noch weniger wo.

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