Goetsch Daniel

Daniel Goetsch wurde am 20. September 1968 in Zürich geboren und wuchs in Windisch und Nussbaumen auf. Sein Studium der Rechtswissenschaft, das er mit dem Lizenziat abschloss, absolvierte er an den Universitäten Zürich und Toulouse. Nach dem Studium schrieb er mehrere Theaterstücke, u.a. den Monolog "Mir" (Uraufführung: Schauspielhaus Zürich, 2001) oder die komische Tragödie "Ammen" (Uraufführung: Heidelberg, 2003) Seit 1995 ist er vorwiegend schriftstellerisch tätig und veröffentlichte diverse Prosa. Heute lebt er in Berlin und Zürich.

Links
danielgoetsch.com/

Werke:
  • Aspartam. Zürich: Bilger, 1999
  • Mir. Monolog. Uraufführung: Schauspielhaus Zürich, 2001
  • Kurzwelle. Uraufführung: Kampnagel Hamburg, 2002
  • Ammen. Uraufführung: Stadttheater Heidelberg, 2003
  • Prosperos rechte Hand. Einakter. Uraufführung: Landestheater Tübingen, 2003
  • X. Zürich: Bilger, 2004
  • Haus mit Herz. Monolog. Uraufführung: Theater an der Winkelwiese Zürich, 2005
  • Ben Kader. Zürich: Bilger, 2006
  • Herz aus Sand. Zürich: Bilger, 2009
  • Ein Niemand. Stuttgart: Klett-Cotta, 2016

Auszeichnungen:
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (1999)
  • Autorenpreis Heidelberger Stückemarkt (2002)
  • Werkbeitrag SSA (2002)
  • Werkjahr des Kantons Zürich (2003)
  • Werksemester der Kulturstiftung Landis&Gyr (2005)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2007)
  • Stipendium HALMA (2008)
  • Werkbeitrag Aargauer Kuratorium (2014)

Textausschnitt aus "Herz aus Sand", [S. 7f.]

Gestern haben wir uns von Duncker verabschiedet. Wir mussten den Einbruch der Dunkelheit abwarten, um mit der Bestattung anzufangen. Von einer Zeremonie zu sprechen wäre verfehlt. Wir hatten bisher kaum Gelegenheit, uns auch nur auf ein Ritual zu einigen. An einen einzigen Todesfall kann ich mich erinnern, aber noch nicht einmal mehr an das Gesicht dazu, geschweige an den Namen.
Die Nacht zeigte sich wie gewohnt sternenklar, als zwei Kollegen endlich Dunckers Leichnam auf den Geröllhaufen hievten und ein dritter mit der Taschenlampe leuchtete. Die Arme waren mit Hanfseilen am Körper festgezurrt, die Füsse gefesselt. Eine Ärztin konnte es sich nicht verkneifen, das Poloshirt unter den Seilen straff zu ziehen. Eine unangemessen mütterliche Geste, wie ich fand. Zum Glück hielten sich die anderen mit Gebärden wie mit Worten zurück. Nur aus dem mitgebrachten Transistorradio scherbelte eine unbekannte Sinfonie.
Über uns war das monumentale Firmament aufgespannt, um uns her die anthrazitfarbene Ebene, und aus dieser Kulisse heraus fiel mein Blick, ehe ich mich's versah, ausgerechnet auf sein Gesicht. Im Taschenlampenlicht nahm es sich seltsam klein und gelassen aus, genau jene Gelassenheit, die ihm zu Lebzeiten abging. Da waren die vertrauten Züge, Dunckers Antlitz, aber ohne ihn dahinter. Eine abgelegte Maske, über die unsere Schatten huschten, Spuren von Erinnerungen, Andeutungen, die uns betrafen, uns in gewisser Weise zurückwarfen auf jenes unbeschädigte Leben, das wohl jeder von uns einmal gelebt hatte, bevor er hier strandete.

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