Giovannelli-Blocher Judith

Am 17. Juni 1932 kam Judith Giovannelli-Blocher in Bonstetten bei Zürich als älteste Tochter eines Pfarrers auf die Welt. Ihrer Mutter, ständig schwanger und überfordert von einer elfköpfigen Kinderschar, ging sie bei deren Betreuung zur Hand. Das puritanisch geprägte Elternhaus vermittelte den Kindern das Gefühl der Unzulänglichkeit und der Schuld, dem sich niemand entziehen konnte. So glaubte Judith Blocher denn auch, ihrer schlechten Schulnoten wegen die „Familienschande“ zu sein. Nach Abschluss der Sekundarschule liess sie sich zur Sozialarbeiterin ausbilden. Die ganze erste Hälfte ihres Lebens suchte sie als Frau in der Vor-Feminismus-Ära ihren eigenen, selbstbestimmten Weg. Sie wurde Abteilungsleiterin der Fachhochschule für Sozialarbeit in Bern, dann freiberufliche Organisationsberaterin, präsidierte die Sozialkommission der Schweizerischen Krebsliga, war Supervisorin und lange Jahre Leiterin von Kursen zum Thema „Älter werden“. Anfang der 70-er Jahre lernte sie den kommunistischen Intellektuellen Konrad Farner kennen und lieben. Nach dessen Tod traf sie auf einer Studienreise Sergio Giovannelli, einen italienischen Emigranten und Arbeiter aus La Spezia, den sie zwei Jahre später heiratete. Mit 67 Jahren begann Judith Giovannelli-Blocher mit dem Roman „Das gefrorene Herz“ (1999) ihre zweite Karriere als Schriftstellerin. Unsentimental und in bestem Sinn schonungslos blickt sie auf die Höhen und Tiefen ihres Lebens zurück und breitet in ihren Prosatexten, Romanen und autobiographischen Büchern vor ihrer Leserschaft ein Stück spannende Zeit- und Sozialgeschichte aus. Spürbar wird ihr Engagement für andere Menschen und die Rechte der Frau in der Schweiz, ihr Einsatz für politische Volksentscheide und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit dem prominenten Bruder Christoph Blocher. Heute lebt Judith Giovannelli-Blocher in Biel.

Links
www.videoportal.sf.tv/video?id=1fa7326e-d47a-4382-b839-d06f3c0d7441
www.srf.ch/player/radio/text-zum-sonntag/audio/das-laendliche-pfarrhaus?id=e347154c-acca-4032-bc47-5c5370837883
www.woz.ch/0830/judith-giovannelli-blocher/immer-irgendwie-daneben
www.annabelle.ch/gesellschaft/people/begegnung-mit-judith-giovannelli-blocher-24448

Werke:
  • Älter werden im Beruf. Dübendorf: Schweiz. Verband für Berufsberatung, 1993
  • Es wär’ noch Zeit, etwas zu wagen. Hanni Schilt erzählt ihr Leben, nach Tonband-Protokollen aufgezeichnet von Judith Giovannelli-Blocher. Biel: Sae’dition, 1994
  • Das gefrorene Meer. Zürich: Pendo, 1999
  • Das ferne Paradies. Ein Geschwisterroman. Zürich: Pendo, 2002
  • Das Glück der späten Jahre. Mein Plädoyer für das Alter. Zürich: Pendo, 2004
  • Woran wir wachsen. Erfahrungen eines Lebens. Zürich: Pendo, 2007
  • Die einfachen Dinge. Worauf es im Leben ankommt. Zürich: Nagel & Kimche, 2010
  • Der rote Faden. Die Geschichte meines Lebens. Zürich: Nagel & Kimche, 2012

Textausschnitt aus „Woran wir wachsen. Erfahrungen eines Lebens“ [S. 126f.]

Meine Tätigkeit als Dozentin an der Schule für Sozialarbeit Zürich und später in Bern fiel zusammen mit einer Entwicklung, die für die Rolle der Frau sehr wichtig war. Wir Frauen selbst hatten in dieser ehemals reinen Frauenschule mit ausschliesslich weiblicher Schulleitung den Männern die Tür geöffnet. Da wir aber über die Machtmechanismen des Patriarchats zu wenig unterrichtet waren, mussten wir staunend zusehen, wie die neu hinzugekommenen Männer, fast ausschliesslich Akademiker, in Lehrkörper und Schulleitung in kurzer Zeit die Macht übernahmen und die bisher bewährten und in der Praxis bewanderten Frauen abschoben. Als die Frauen dies realisierten, bildete sich Widerstand. Allen voran stiess die Kollegin und Freundin Silvia Staub-Bernasconi damit vor, stemmte sich gewissermassen mit gehörnter Stirn gegen die selbstverständliche Machtübernahme der Männer. Freilich, dafür musste sie erst studieren. Bereits Dozentin für Sozialarbeit, schrieb sie sich für ein Soziologie-Studium an der Uni ein, bekam gleich noch ein Kind und nahm dies kurzerhand in die Sozialschule mit: Tür auf für eine ganz neue Ära! Noch zehn Jahre vorher wäre so etwas ganz undenkbar gewesen. Durch Staub-Bernasconi wurde es klar und selbstverständlich, dass Sozialarbeit mit Machtausübung zu tun hat, dass es aber eben sowohl Beschützungs- wie Behinderungsmacht gibt. Macht ausüben, sich Machtstrategien aneignen, um für die Rechte der Schwächeren zu kämpfen. Damit wurde für uns Frauen ein neues Kapitel aufgeschlagen!

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