Geiser Christoph

Christoph Geiser wurde am 3.8.1949 in Basel geboren. Dort besuchte er das humanistische Gymnasium. In Freiburg i. Br. und Basel begann Geiser ein Soziologiestudium, welches er abbrach. Er war Mitbegründer der Literaturzeitschrift "drehpunkt" und Redakteur bei der sozialdemokratischen Zeitschrift "Vorwärts". Christoph Geiser hielt sich 1983/84 als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms in Berlin auf. Er lebt heute als freischaffender Schriftsteller in Bern. Das eigene Ich ist Geiser programmatisch Ausgangspunkt seines literarischen Schaffens. In der Titelgeschichte der Sammlung "Disziplinen" (1982) wird der summarische Lebenslauf der Eltern - die Mutter stammt aus dem Berner Patrizier- und Grossbürgertum, der Vater aus einer Basler Arztfamilie - zum Paradigma einer sich in Beziehungslosigkeit auflösenden Wohlstandsgesellschaft. Wie unwiderruflich Zerstörung ist, zeigt Geiser in "Brachland" (1980). Selbst in der Einsamkeit eines hochsommerlichen Gartens finden Vater und Sohn zu keinem Gespräch. So verabschiedet sich der Erzähler aus der Enge seiner Familie, um in seinen nächsten Romanen "Wüstenfahrt" (1984) und "Das geheime Fieber" (1987) das schreibend auszuleben, was er als Grund seines Andersseins diagnostiziert: seine Homosexualität.

Links
www.christophgeiser.ch
www.cgst.ch/39.html
ansichten.srf.ch/autoren/christoph-geiser/
www.srf.ch/play/tv/club/video/christoph-geiser?id=960783e7-d475-4031-b714-dc4b2b9efed2
zeitnah.ch/10274/christoph-geiser-setzt-sich-ein-oder-der-angler-der-schreibszenen/

Werke:
  • Bessere Zeiten. Gedichte und Prosa. Zürich: Regenbogen, 1968
  • Mitteilung an Mitgefangene. Für die Insassen der Strafanstalt Oberschöngrün Solothurn. Gedichte. Basel: Lenos, 1971
  • Hier steht alles unter Denkmalschutz. Erzählungen. Basel: Lenos, 1972
  • Warnung für Tiefflieger. Gedichte und Mittelland-Geschichten. Basel: Lenos, 1974
  • Zimmer mit Frühstück. Erzählung. Basel: Lenos, 1975
  • Grünsee. Zürich / Köln: Benziger, 1978
  • Brachland. Zürich / Köln: Benziger, 1980
  • Disziplinen. Vorgeschichten. Basel: Lenos, 1982
  • Wüstenfahrt. Zürich: Nagel & Kimche, 1984
  • Das geheime Fieber. Zürich: Nagel & Kimche, 1987
  • Das Gefängnis der Wünsche. Zürich: Nagel & Kimche, 1992
  • Wunschangst. Erzählungen. Hamburg: Verlag MännerschwarmSkript, 1993
  • Kahn, Knaben, schnelle Fahrt. Eine Fantasie. Zürich: Nagel & Kimche, 1995
  • Die Baumeister. Eine Fiktion. Zürich: Über Wasser. Passagen. Zürich: Ammann, 2003
  • Wenn der Mann im Mond erwacht. Ein Regelverstoss. Zürich: Ammann, 2008
  • Schöne Bescherung. Kein Familienroman. Zürich: Offizin, 2013
  • Da bewegt sich nichts mehr. Mordsachen. Birrwil: Spiegelberg Verlag, 2016

Auszeichnungen:
  • Förderungspreis des Kantons Bern (1973)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1974 / 1978)
  • Buchpreis der Stadt Bern (1975 / 1976 / 1985 / 1987 / 1996)
  • Buchpreis des Kantons Bern (1979 / 1982)
  • Writer-in-Residence Oberlin-College Ohio, USA (1980)
  • Werkbeitrag der Pro Helvetia (1980 / 1986 / 1991 1996)
  • Buchpreis des Kantons Bern ( 1982 / 1987)
  • Kunstpreis des Lions Club Basel (1983)
  • Berlin-Stipendium des DAAD (1983/84)
  • Basler Literaturpreis (1984 / 1992)
  • Werkjahr der Stiftung Landis & Gyr (1990)
  • Stipendiat der Literaturkommission Bern (1991/1992)
  • Berner Literaturpreis (1992)
  • New York-Stipendium der Stadt Bern (1999)
  • Stadtschreiber der Landeshauptstadt Dresden (2000)
  • Berner Literaturpreis (2004, 2009 und 2014)

Textausschnitt aus "Wüstenfahrt" [S. 78-79]

Es ist der bekannte Schmerz, sobald ich wieder zu mir komme, wenn ich allein bin, irgendwo, auf der Wiese des Freibades an der Aare, in einem Flugzeug, nachts, über dem amerikanischen Kontinent, die Kopfhörer im Ohr, mein Schulheft, den Plastikbecher vor mir, während ich die beiden Jungen, neben mir, am Rande meines Gesichtsfeldes, beobachte, im Humanistischen Gymnasium in Basel, mit fünfzehn, als ich, im Schulzimmer während einer Pause, gegen den Heizkörper unter den Fenstern gelehnt, zum ersten Mal meinen langjährigen Banknachbarn sah - wahrnahm - erkannte - in der Schneewüste von Ohio, während ich mich schon fürchtete vor der Rückkehr dieses Schmerzes: der, bevor ich dich kannte, gelindert war durch die vollkommene Aussichtslosigkeit auf Linderung, hätte ich dir wohl, über den Atlantik hinweg, schreiben oder spätestens bei unserem Wiedersehen auf dem amerikanischen Kontinent erklären müssen. Aber das versteht sowieso kein Mensch.

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