Ganzoni Romana

Romana Ganzoni wurde 1967 in Scuol geboren und ist dort aufgewachsen. Das Gymnasium absolvierte sie am Hochalpinen Institut Ftan. Es folgten ein Geschichts- und Germanistikstudium in Zürich und ein Aufenthalt in London. Während zwanzig Jahren wirkte sie als Gymnasiallehrerin. Dann wandte sie sich ganz dem Schreiben zu; sie lebt als freie Autorin in Celerina. Seit 2013 veröffentlicht Romana Ganzoni Beiträge in Literaturzeitschriften, seit 2015 Kolumnen in der «Schweiz am Sonntag» und in der «Engadiner Post». Sie schreibt auch Beiträge für die Sendung «Impuls» von Radio Rumantsch. Granada Grischun ist ihr erstes Buch.

Werke:
  • Granada Grischun: Erzählungen. Zürich: Edition Blau, 2017
  • Il postin. In: Litteratura 36. Chur: Uniun per la Litteratura Rumantscha, 2017

Auszeichnungen:
  • Gewinnerin Wettbewerb von Lektorat Literatur, Basel (2013)
  • Literaturhaus Zürich, Text des Monats (2013)
  • Gewinnerin Wettbewerb «Fantasie an die Macht», Salzburg, Literaturmagazin «Salz», (2013)
  • Gewinnerin Literatur-Wettbewerb von «Literaare», Thun (2013)
  • Aufnahme in Anthologie des Würth-Literaturpreises, Universität Tübingen (2014)
  • Nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis (2014)
  • Werkbeitrag des Kantons Graubünden (2014)
  • Unter den besten 43 Texten (aus über 600) des Walter-Kempowski-Förderpreises, Hamburg (2015)
  • Literaturhaus Zürich, Text des Monats (2015)
  • Beim Lyrikwettbewerb ‘Blauer Salon’ (D) kam mein Gedicht aus über 700 Texten in die Auswahl der glücklichen Zwanzig (2015)
  • Gewinnerin des Essay-Wettbewerbs des Berner Bund (2015)
  • Nominiert für den «Premi Term Bel», Domat/Ems (2016)
  • Unter den 25 besten Texten (aus 1500) des «Münchner Kurzgeschichten-Wettbewerbs», (2016)

Textausschnitt aus Granada Grischun

Che confusiun!

Ich kann rechts und links nicht auseinanderhalten.

Wenn ich wissen muss, wo rechts ist, simuliere ich einen Handschlag, murmle Allegra oder Grüezi, eine Angewohnheit aus Kindertagen. Die rechte Hand ist meine grüssende Kinderhand. Sie weiss, was zu tun ist. Wenn ich wissen muss, wo links ist, könnte ich den Handschlag simulieren und im Ausschlussverfahren die linke Hand ermitteln. Ich aber schaue auf beide Hände. Auf der einen Hand ist ein Tintenklecks, der sagt: Ich bin links. Ihn verdanke ich Reto, der vor 35 Jahren einen roten Pelikan-Füller nach mir warf und den Handrücken mit einem kleinen Tolggen tätowierte, wie um die Schreibhand zu markieren. Ich aber schrieb mit rechts. Deshalb ist die linke Hand meine paradoxe Sudel-Hand aus der Pubertät. Seit es Laptops gibt, schreibt sie zusammen mit der Kinderhand. Sie einigen sich gerade auf diesen Text. Sie einigen sich darauf, mit den Bergen anzufangen, die mich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens umgaben. Sie waren gross, so gross, dass links und rechts keine Rolle spielte.
Wenn man im Unterengadin flussabwärts schaut, sind die einen Berge links, die anderen rechts. Wenn man flussaufwärts schaut, ist es umgekehrt. Ich bevorzugte keine Seite, ich bevorzugte die Namen und die Form der Berge, die Haus- und Schicksalsberge waren oder gewöhnliche Berge. Wenn ich nach ober schaute, sah ich den Himmel. Mit den Füssen stand ich auf afrikanischer Erde. Ich war immer, wenn ich da war, auch zugleich anderswo.

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