Faes Urs

Urs Faes wurde am 13.2.1947 in Aarau geboren. Im aargauischen Suhrental verbrachte er seine Kindheit und ging dort zur Schule. Nach seiner Ausbildung zum Grundschullehrer am Seminar in Wettingen, hatte er verschiedene Arbeitsstellen als Lehrer inne, u. a. ein Jahr lang an einem Zürcher Gymnasium. In dieser Zeit studierte er Geschichte, Germanistik, Philosophie und Ethnologie und promovierte zum Dr.phil. Seine ersten Texte erschienen 1970 in Zeitungen und Zeitschriften. Nach dem Beginn seiner Schreibtätigkeit als Lyriker hat sich Urs Faes vor allem als Theater- und Romanautor verdient gemacht. Er lebt heute als freier Schriftsteller in Zürich. In "Sommerwende" (1989) spiegelt Faes mit leiser, sein Thema einkreisender Sprache, ein Stück brisanter Schweizer Vergangenheit in Lebensgeschichten: Geschichten, die von Opfer und Täter, von Strafe und Schuld, vom Anrecht auf Verzeihen und der Schwierigkeit von Versöhnung erzählen, vor allem aber auch davon, wie in einem vom Krieg verschonten Land Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit die Hoffnungen von einzelnen Menschen rücksichtslos zerstören können. In "Alphabet des Abschieds" (1991) macht Faes Rom, die ewig sterbende Stadt, zur Kulisse eines still und doch zugleich spannend inszenierten Geschlechter-Kammerspiels: ein Mann und eine Frau, Paul und Nicole, zwingen sich zur Rechenschaft, zur Bilanz des gelebten und vor allem des ungelebten Lebens.

Links
www.ursfaes.ch
www.srf.ch/player/radio/kultur-clip/audio/urs-faes-zitat?id=c4037fe8-dbc1-4ecc-abd8-6155197a2f5b
www.srf.ch/kultur/literatur/urs-faes-fand-seine-neue-geschichte-auf-einem-seiner-buchcover

Werke:
  • Eine Kerbe im Mittag. Gedichte. Aarau: Sauerländer, 1975
  • Regenspur. Gedichte. Basel: Lenos, 1979
  • Webfehler. Basel: Lenos, 1983
  • Der Traum vom Leben. Erzählungen. Basel: Lenos, 1984
  • Bis ans Ende der Erinnerung. Basel: Lenos, 1986
  • Sommerwende. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1989
  • Alphabet des Abschieds. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1991
  • Augenblicke im Paradies. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994
  • Ombra. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1997
  • Und Ruth. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001
  • Als hätte die Stille Türen. Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2005
  • Liebesarchiv. Frankfurt/M: Suhrkamp, 2007
  • Paarbildung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2010
  • Paris. Eine Liebe. Frankfurt/M.: Insel, 2012
  • Sommer in Brandenburg. Roman. Berlin: Suhrkamp, 2014
  • Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch. Berlin: Suhrkamp, 2017

Auszeichnungen:
  • Werkbeitrag des Aargauischen Kuratoriums (1983)
  • Literaturförderpreis des Kantons Solothurn (1985)
  • Werkjahrauszeichnung der Stadt Zürich (1986)
  • Werkstipendium am Istituto Svizzero in Rom (1987/88)
  • Werkbeitrag des Kantons Aargau (1988)
  • Werkjahr Pro Helvetia (1990 / 1995)
  • Werkpreis des Kantons Solothurn (1992)
  • Literaturpreis des Kantons Solothurn (1999)
  • Preis der Schillerstiftung (2001)
  • Preis der Schillerstiftung (2007)

Textausschnitt aus "Sommerwende" [S. 9-10]

Melzer blickte in die anbrechende Dämmerung hinaus, in die vom Herbstwind zerrauften Bäume und Sträucher; hoch ragte der Kamin der stillgelegten Fabrik in den bläulich verschwimmenden Horizont hinaus, wo das hügelige Land abflachte, in die Ebene des Tales sich ergoss. Ein kühler Wind strich um die Häuser, wirbelte Laub auf, kräuselte die hellen Pfützen in den Gartenwegen. Im nahen Fluss stand das Wasser noch immer hoch, war schmutzig braun und führte Äste und Laub mit sich. Dämmriges Grau über dem Tal, dessen bewaldete Hügel sich als schwarze Linien in der Ferne kreuzten. Mutter, in einem Nachbardorf aufgewachsen, hatte das Tal kaum je verlassen. Man schlägt halt Wurzeln, wo man aufgewachsen ist und seine Toten hat, sagte sie . Wie schon in der Stadt hingen auch hier im Quartier überall Wahlplakate für die Parlamentswahlen; viel von Grün und Umwelt in den Parolen, aber auch vom Kampf gegen Überfremdung und Asylantenströme: Bewahrt die Eigenart des Landes. Melzer folgte mit den Augen dem Weg, der hinaus in die Felder und zum Fluss führte, vorbei an den langen Reihen der Hasel- und Holunderbüsche; und weit draussen das Gehöft des Saumhofbauern, dem er als Kind bei der Heuernte geholfen hatte und beim Rübenschneiden im Herbst. Vieles hatte sich verändert im Dorf. In der Landschaft der Kindheit. Vom Kirchturm schlug es sechs. Die Schläge waren ihm schon immer lang und schleppend vorgekommen. Melzer wandte sich vom Fenster ab. Still lag Mutters Gesicht im Kissen. Geschlossene Augen.

Zurück