Dean Martin R.

Martin R. Dean wurde am 17. Juli 1955 in Menziken im Kanton Aargau als Sohn eines aus Trinidad stammenden Arztes und einer Schweizerin geboren. Nach seiner Matur in Aarau 1977 studierte er Germanistik, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel und schloss 1986 mit einer Lizentiatsarbeit über Hans Henny Jahnns Roman "Perrudija" ab. Martin R. Dean war viel auf Reisen und verbrachte längere Zeit im Ausland. Seit 1990 war er Lehrer an der Schule für Gestaltung in Basel und am Gymnasium in Muttenz. Heute lebt und arbeitet er als freier Schriftsteller und Publizist in Basel. Während Dean in "Die verborgenen Gärten" (1982) die Geschichte eines Gedächtnisverlustes und der dadurch notwendig gewordenen künstlichen Lebensgeschichte beschreibt, ist "Der Guyanaknoten" eng mit seiner eigenen Biographie verbunden. Zunehmende Fremdenfeindlichkeit und die Anonymität in der Gesellschaft sind Themen des 1994 erschienenen Romans.

Links
www.mrdean.ch

Werke:
  • Die verborgenen Gärten. München: Carl Hauser, 1982
  • Die gefiederte Frau. Fünf Variationen über die Liebe. München: Carl Hauser, 1984
  • Der Mann ohne Licht. München: Carl Hauser, 1988
  • Ausser mir. Ein Journal. München: Carl Hauser, 1990
  • Gilberts letztes Gericht. Drama. Frankfurt: Verlag der Autoren, 1990 (Theater Basel, 1992)
  • Der Guyanaknoten. München: Carl Hauser, 1994
  • Die Ballade von Billie und Joe. München: Carl Hauser, 1997
  • Monsieur Fume oder das Glück der Vergesslichkeit. Kurzprosa. München: Carl Hauser, 1998
  • Schlaflos. Mit Silvia Henke. Frankfurt: Verlag der Autoren, 1999
  • Meine Väter. München: Carl Hanser, 2003
  • Ein Koffer voller Wünsche. Salzburg/Wien: Jung und Jung, 2011
  • Falsches Quartett. Roman. Salzburg/Wien: Jung und Jung, 2014
  • Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde. Salzburg: Jung und Jung, 2015

Auszeichnungen:
  • Werkpreis des Kantons Luzern (1982 / 1985)
  • Werkjahr des Kantons Aargau (1982)
  • Rauriser Literaturpreis (1983)
  • Förderbeitrag Basel-Stadt (1985)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (1987 / 1993)
  • Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie (1988)
  • Werkauszeichnung Migros-Genossenschaft (1988)
  • Werkstipendium Istituto Svizzero Rom (1988/89)
  • Grosser Aargauer Literaturpreis (1988)
  • Preis der Frankfurter Autorenstiftung (1990)
  • Deutscher Dramatikerpreis durch Frankfurter Autorenstiftung (1991)
  • Stadtbeobachter von Zug (1992/93)
  • Werkjahr des Kantons Luzern (1993)
  • Literaturbeitrag der Stadt Basel (1994)
  • Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1994)
  • Werkjahr Pro Helvetia (1996)
  • Stipendium Land Baden-Württemberg (1997)
  • Förderpreis der Akademie der Künste, Berlin, Kunstpreis Berlin (1999)
  • Werkjahr der Stadt Basel (2000)
  • Einzelwerkpreis der Schillerstiftung (2003)

Textausschnitt aus "Der Guyanaknoten" [S. 16]

Gestern drehte sich die alte Frau von gegenüber nach mir um und verharrte in dieser lauernden Stellung, bis ich im Hauseingang verschwunden war. Wahrscheinlich erkannte sie in mir den Attentäter oder verwechselte mich mit einem Asylanten. Ich verlasse meine Wohnung nicht ohne Pass, ohne meinen Schweizer Pass. Wo immer ich bin, stehenbleibe oder mich hinsetze, muss ich mich ausweisen. Alle Ausländer sind Attentäter. Instinktiv schieben mir die Mütter ihre Kinderwagen vor die Füsse. Es ist lächerlich, sage ich zu Lehmann, aber ohne Ausweis ist man ein Nichts. Wer keinen gültigen Ausweis bei sich trägt, der gehört nicht zur Bevölkerung. Umgekehrt macht das Ausweistragen aus mir, einem Nichts, einen Teil der Bevölkerung. Statistisch gesehen gehöre ich zum männlichen, ledigen, arbeitenden Teil der Schweizer Bevölkerung. Absurd, wo doch meine Vorfahren aus allen Enden und Ecken der Welt zusammengestreut sind, sage ich zu Lehmann. Wie Meridiane, wenn man so sagen kann, ziehen sich die Migrationsrouten meiner Vorfahren über den Erdglobus. Vom kühlen Norden in den heissen Süden, Lehmann, ziehen sich die Fäden und verdichten sich in meiner Person, verknoten sich zu einem Ich, einem Guyanaknoten, einem Mehrstrangverdichtungsknoten, oder meinetwegen einem Endknoten mit Körperbindungsoberfläche. Ich bin der von meinen verschiedenrassigen Vorfahren in ausschweifenden Reisen und Begattungen geknüpfte Samenknoten. Ein Schuhhändlerknoten, ein Bendelknoten, ein Platting oder ein Spleiss, was auch immer.

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