Brezna Irena

Irena Brezna, offiziell Geerk, wurde am 26. Februar 1950 in Bratislava (Slowakei) geboren. 1968 emigrierte sie in die Schweiz und studierte Slawistik, Philosophie und Psychologie an der Universität Basel. Nach ihrer universitären Ausbildung arbeitete sie zunächst als Russischlehrerin und Psychologin in der Forschung, ehe sie sich als Koordinatorin von Amnesty International von 1975-1987 für die Freilassung sowjetischer politischer Gefangener einsetzte. Seit 1981 ist Brezna freie Journalistin und Publizistin. Sie veröffentlicht engagierte Texte in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen in der Schweiz, Deutschland und der Slowakei und wurde für ihre publizistische Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Auch als Schriftstellerin befasst sie sich mit den Themen Fremde, Heimat und Grenzüberschreitung und fasst literarische Reportagen und Erzählungen zu viel beachteten Sammelbänden zusammen. Irena Brezna lebt und arbeitet in Basel.

Links
www.brezna.ch
www.literaturpreise.ch/de/archiv/eidgenoessische-literaturpreise/irena-brezna/
www.zeit.de/2012/11/CH-Interview-Irena-Brezna

Werke:
  • Slowakische Fragmente oder So kam ich unter die Schweizer. Basel: Mondbuchverlag, 1987
  • Die Schuppenhaut. Erzählungen. Zürich: eFeF, 1989
  • Biro und Barbara. Mit Alpha Oumar Barry. Jugendbuch. Bern: Zytglogge, 1989
  • Karibischer Ball. Erzählungen und Reportagen. Zürich: eFeF, 1991
  • Falsche Mythen. Reportagen aus Mittel- und Osteuropa nach der Wende. Zürich: eFeF, 1996
  • Die Wölfinnen von Sernowodsk. Reportagen aus Tschetschenien. Stuttgart: Quell, 1997
  • Die Sammlerin der Seelen. Unterwegs in meinem Europa. Berlin: Aufbau, 2003
  • Die beste aller Welten. Berlin: Ebersbach, 2008
  • Schuppenhaut. Berlin: Ed. Ebersbach, 2010
  • Die undankbare Fremde. Roman. Berlin: Galiani, 2012

Auszeichnungen:
  • 1.Preis Ausländerliteratur in deutscher Sprache von der Abteilung für angewandte Linguistik der Universität Bern (1984)
  • 3. Medienpreis der Eckenstein-Stiftung (gegen Rassismus), Genf (1989)
  • 3. Journalistinnenpreis der Zeitschrift Emma, Köln (1992)
  • 1. Förderpreis der Kiwanis-Stiftung, Bern (1997)
  • 1. Medienpreis des ostdeutschen Kulturrates, Bonn (1999)
  • Zürcher Journalistenpreis, Zürich (2000)
  • Emma-Journalistinnenpreis (2002)
  • Verschiedene Werkbeiträge der Pro Helvetia und des Kt. Basel-Stadt
  • Eidgenössischer Literaturpreis (2012)

Textausschnitt aus "Die Rebellin" in "Karibischer Ball" [S. 53-54]

Wenn ich den Guineerinnen zuschaute, wie auch die Ärmsten unter ihnen ihren Kopf stolz erhoben trugen, wie ihre wie aus Holz geschnitzten Gesichter Selbstbewusstsein ausstrahlten, dachte ich an den Ruf von der Stärke und der Unabhängigkeit der Westafrikanerinnen. Wenn ich sie an Hochzeiten und Taufen mit heftigen Beckenbewegungen tanzen sah, dachte ich auch unwillkürlich daran, dass man ihnen im zarten Mädchenalter die Klitoris säuberlich abgeschnitten hatte. Dabei konnten sie manchmal lachen, als wäre ihre Freude unantastbar, als spotteten sie jedem Zähmungsversuch. Wenn ich mit ihnen ins Gespräch kommen wollte, erteilten sie mir eine Lektion im Schweigen, Nicken und Lächeln. Nach den üblichen Begrüssungsfloskeln, wie es meinen Kindern gehe, wo mein Mann sei, wurde ich gefragt, ob ich die Erdnusssauce zum Reisgericht möge oder ob ich mein Kleid aus einheimischem Indigo schon gewaschen habe, ohne dass es sich verfärbt hätte. Danach versanken wir lächelnd in die Hitze und ins stille Warten. Wenn ich ausharrte, gelang es uns manchmal, aus dem vorgegebenen Kreis der Blutsbande, der Überlebenssorgen, des Kinderkriegens und Schmückens auszubrechen. Zögernd formulierten die Frauen eigene Gedanken, Zweifel an der Gesellschaftsordnung, äusserten leise Wünsche, die aus dem Rahmen fielen, um sie gleich wieder zurückzunehmen. Mir war zumute, als bewegten wir uns entlang einer Bumeranglinie, im mühsamen Zickzack.

Zurück