Binder Elisabeth

Elisabeth Binder-Etter kam am 10. Juli 1951 in Bürglen im Kanton Thurgau zur Welt. Nach der Matura in Frauenfeld studierte sie Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich. 1980 schloss sie ihr Studium mit einer Lizentiatsarbeit in Kunstgeschichte ab. 1981 heiratete sie den Germanisten Wolfgang Binder. Von 1987 bis 1994 unterrichtete sie Deutsch und Kunstgeschichte am Gymnasium in Zürich. Daneben schrieb sie von 1990 bis 1994 regelmässig als freie Mitarbeiterin für das Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 1994 arbeitet sie als freie Schriftstellerin. Ihr erster Roman Der Nachtblaue ist 2000 erschienen. Die Schriftstellerin, deren Werk Romane und Essays umfasst, lebt in Unterstammheim, Kanton Zürich. „Weder die Schussfahrten vom Glück ins Unglück, weder die Schwärze noch das Licht allein sind die komplette Wahrheit. Beides als der Wirklichkeit zustehende Dimensionen zu würdigen ..., ist Ausdruck von Elisabeth Binders liebend herzhaftem Interesse an Welt und Lebewesen. Hier in dessen ästhetisch-künstlerischer Version.“ (Auszug aus Brigitte Kronauers Laudatio zum Mörike-Förderpreis)

Werke:
  • Der Nachtblaue. Roman. Stuttgart: Klett-Cotta, 2000
  • Sommergeschichte. Roman. Stuttgart: Klett-Cotta, 2004
  • Orfeo. Roman. Stuttgart: Klett-Cotta, 2007
  • Der Wintergast. Roman. Stuttgart: Klett-Cotta, 2010
  • Ein kleiner und kleiner werdender Reiter. Spuren einer Kindheit. Unterstammheim: Amato-Verlag, 2015

Auszeichnungen:
  • Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung (2000)
  • Ehrengabe des Kantons Zürich (2000)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2003)
  • Werkbeitrag der UBS-Kulturstiftung (2003)
  • Mörike-Förderpreis (2003)
  • Werkjahr der Stadt Zürich (2007)
  • Werkbeitrag der Kulturstiftung des Kantons Thurgau (2009)
  • Werkbeitrag der Kulturstiftung des Kantons Thurgau (2012)

Textausschnitt aus „Der Wintergast“ [S. 149]

Dann gab er sich einen Ruck.
Er hatte doch heute Morgen in die Bar gehen wollen, um Ada zu fragen, ob er ein Porträt von ihr machen dürfe. Das hatte er sich doch längst vorgenommen, seit dem Abend damals, wo er aus dem Schneetreiben zu ihr in die Gaststube gekommen war. Er hatte es bisher nur hinausgeschoben, weil ihm diese Frau zu zeichnen etwas vom Schwierigsten schien, denn es war nichts weiter Interessantes an ihr. Nichts, was einen sofort reizte, nach dem Stift zu greifen.
Wie er nun aber daran dachte, an die stille Bar, bei dem Regen, und an die Frau, reizte ihn gerade dies.
Er nahm sein Skizzenbuch, das Etui mit Stiften, ging die herrschaftlich breite Treppe hinunter, zog in der Eingangshalle seine Jacke an, streichelte den Hund, der ihn aufmerksam ansah.
Er gehe in die Bar hinüber, sagte er zu Susanna, die am Telefon stand und Anweisungen gab, wie man einen verletzten Vogel am besten einfangen und transportieren sollte: ein Tuch über ihn werfen und ihn dann darin einwickeln, aber nicht zu eng, damit er nicht erstickt, oder in eine Schachtel packen mit ein paar Luftlöchern, nicht zu gross die Schachtel, damit er nicht darin toben kann, aber auch nicht zu eng, vor allem lang genug, damit der Schwanz nicht abgeknickt wird …
Sie nickte ihm zu zum Zeichen, dass sie verstanden habe.
Wie gern, dachte er, während er den Portalflügel hinter sich ins Schloss zog, den Skizzenblock unter seine Jacke nahm und die Kapuze hochschlug, wäre er hier ein Sohn des Hauses geblieben oder geworden, mindestens für einige Zeit.

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