Berg Sibylle

Sibylle Berg kam in Weimar auf die Welt und lebt seit 1996 in Zürich. Die Autorin, die nichts aus ihrem Privatleben preisgeben will, erhielt 2012 die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sibylle Berg schreibt Romane, Essays und Kolumnen (u.a. für die NZZ und die Zeit), Kurzprosa und Theaterstücke. Seit Januar 2011 verfasst sie für Spiegel Online die Kolumne „S.P.O.N. – Fragen Sie Frau Sibylle“. Da ihre ersten beiden Buchprojekte ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllten, versuchte Sibylle Berg gar nicht, die Texte zu veröffentlichen. Erst den Roman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ bot sie Verlagen an. Nach rund 50 Ablehnungen erschien das Buch 1997 im Reclam-Verlag Leipzig. Die Autorin gestaltete den Roman zum Schauspiel um und wurde damit zum Theaterfestival Stücke 2000 eingeladen. Sibylle Bergs Figuren bewegen sich in einer unsicheren, ungemütlichen, versehrten Welt und versuchen, ihre eigene Existenz irgendwo, bei irgendwem zu verankern, bevor es zu spät ist. Silbylle Berg zeichnet mit ihren so melancholischen wie bösartigen Bildern eine Welt, in der man höchstens überleben kann, wenn man nicht ganz allein ist. Auf die Frage, ob sie auch heute noch gegen gesellschaftliche Missstände ankämpfen wolle, antwortet Sibylle Berg: „Ich habe den Einfluss von Literatur früher überschätzt, vielleicht weil Bücher mein Denken sehr beeinflusst haben. Heute glaube ich, dass Bücher einigen Trost geben können, das Gefühl, nicht allein zu sein. Mehr liegt nicht drin.“ (FAZ Feuilleton, 29.7.2012) (Foto: Katharina Luetscher)

Links
www.sibylleberg.ch
www.spiegel.de/thema/spon_berg/
www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/-dann-saehe-es-auf-der-Welt-doch-wunderbar-aus/story/15500255
www.zeit.de/autoren/B/Sibylle_Berg/index.xml
www.srf.ch/player/radio/52-beste-buecher/audio/vielen-dank-fuer-das-leben-von-sibylle-berg?id=53158bb3-0692-4027-8b88-9e0157803e50

Werke:
  • Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Roman. Leipzig: Reclam, 1997
  • Sex II. Roman. Leipzig: Reclam, 1998
  • Amerika. Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1999
  • Gold. Gesammelte Glossen und Kolumnen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2000
  • Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2001
  • Ende gut. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2004
  • Habe ich dir eigentlich schon erzählt … - Ein Märchen für alle. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006
  • Die Fahrt. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2007
  • Der Mann schläft. Roman. München: Hanser, 2009
  • Vielen Dank für das Leben. Roman. München: Hanser, 2012
  • Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle. München: Hanser, 2013
  • Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Roman. München: Hanser, 2015
  • Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten. München: Hanser, 2016
  • Theaterstücke/Hörspiele
  • Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (Uraufführung: Theater Rampe, Stuttgart 1999)
  • Helges Leben (Uraufführung: Bochum 2000)
  • Hund, Frau, Mann (Uraufführung: Theater Rampe, Stuttgart 2001)
  • Herr Mautz (Uraufführung: Oberhausen 2002)
  • Schau da geht die Sonne unter (Uraufführung: Bochum 2003)
  • Das wird schon. Nie mehr Lieben! (Uraufführung: Bochum 2004)
  • Wünsch dir was. Ein Musical (Uraufführung: Schauspielhaus Zürich, 2006)
  • Hongkong Airport 23.45 (Hörspiel: WDR 2007)
  • Von denen, die überleben (Uraufführung: Schauspielhaus Zürich, 2008)
  • Die goldenen letzten Jahre (Uraufführung: Theater Bonn, 2009)
  • Nur Nachts (Uraufführung: Wiener Akademietheater, 2010)
  • Missionen der Schönheit (Uraufführung: Staatstheater Stuttgart, 2010)
  • Lasst euch überraschen! Ein Weihnachtsstück (Uraufführung: Kammerspiele Bonn, 2010)
  • Der Mann schläft (Hörspiel: NDR 2010)

Auszeichnungen:
  • Marburger Literaturpreis (2000)
  • Werkbeitrag Pro Helvetia (2005)
  • Wolfgang-Koeppen-Preis (2008)
  • Nomination Schweizer Buchpreis (2012)

Textausschnitt aus „Der Mann schläft“ [306 f.]

Kurz bevor wir in die Wohnung gelangten, war ich mir fast sicher in meinem Entschluss, auf der Insel zu bleiben. Es hatte den Anschein, dass zwei Menschen mich brauchten, was immerhin mehr war als einer, ich, der mich nicht brauchen konnte. Ich würde hierbleiben und abwarten. Dass ich eine neue Idee bekomme, einen neuen Menschen finde, der mich noch mehr benötigt, dass ich alt werde, sterbe. Einfach warten. Denke ich an mein altes Zuhause, so ist dort nichts, was ich vermissen werde. Ausser den Gedanken an den Mann. Ich war von einer Art Freude erfüllt, die ich seit Wochen nicht mehr in mir beobachtet habe, ich hatte einen Entschluss gefasst und erwartete fast, dass beim Betreten der Wohnung ein goldenes Licht scheinen würde und Fanfaren erklängen. Doch dann stand ich in der Wohnung, sah den Masseur, der schweigend einen Kunden bediente. Sah mein Zimmer, das ich von da an vermutlich einige Jahre bewohnen würde, und in mir wurde alles still, als wäre ich eingeschneit innerhalb Sekunden. So, das ist es also, dachte ich, als ich auf meiner Terrasse sass. Es würde so werden, wie ich es mir vor kurzem vorgestellt hatte. Ich würde ein Teil der Insel werdne, mit ein paar westlichen Bekannten eventuell. Ich würde einen Computer in mein Zimmer stellen und arbeiten. Abends kochen, was ich nicht kann, der Masseur und Kim wären zu höflich, um sich zu beklagen. Ich würde alt werden und still, ich würde Tee trinken und aus dem Fenster sehen. Mein Leben würde ebenso ereignislos und unwichtig verstreichen wie das Milliarden anderer, nur würde ich darum wissen. Ich würde mich irgendwann damit trösten, dass ich wenigstens für vier Jahre erfahren hatte, wie es anders sein konnte. Bevor ich den beiden meinen Entschluss mitteilte, wollte ich jedoch noch einen Abschied nehmen. Von allem, was ich bisher gewesen war.

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