Bibliomedia Mitarbeitende lesen: Unsere Buchtipps vom 2016


Mein langer Weg nach Hause

Buchtipp von Bruna Arnold
Saroo Brierley: Mein langer Weg nach Hause. Frankfurt a.M.: Ullstein,  2014.

Ich habe dieses Buch ausgewählt, weil mich die Geschichte von Saroo tief beeindruckt hat und es fast an ein Wunder grenzt, dass der Junge in einer der gefährlichsten Städte der Welt als Fünfjähriger überhaupt überlebt hat.
Sheru Munshi Khan, geboren 1981 in Khandwa, Indien, begleitete eines abends als Fünfjähriger seinen älteren Bruder Guddu mit dem Zug nach Berampur. Guddu lässt Sheru alleine auf dem Bahnsteig zurück um den Reisenden Sachen zu verkaufen. Als der grosse Bruder auch nach Stunden nicht zurückkommt, steigt Sheru in einen wartenden Zug und schläft völlig erschöpft ein. Nach stundenlanger Fahrt erreicht der Zug die Millionen Metropole Kalkutta im Osten von Indien.
Wochenlang schlägt sich der kleine Junge alleine auf den Strassen von Kalkutta durch und überlebt mit viel Glück mehrere gefährliche Situationen. Durch Zufall bekommt er einen Platz im Waisenhaus Nava Jeevan. Da der Junge weder seinen richtigen Namen noch seinen Wohnort kennt, kommt es nach nur zwei Monaten zur Adoption und Sheru beginnt als Saroo ein neues Leben bei den Brierleys in Tasmanien.
Da er seine leibliche Familie immer noch so vermisst, versucht Saroo als Erwachsener mit Hilfe von Google Earth, sein Dorf wieder zu finden. Während acht Monaten fährt er Nacht für Nacht das Eisenbahnnetz von Indien ab und findet eines Abends ein Dorf, das Khandwa sein könnte! Nach 25 Jahren fährt Saroo zurück in sein Dorf in Westindien und sieht seine Mutter Kamla nach all den Jahren das erste Mal wieder. Sie ist in der Hoffnung auf Saroos Rückkehr in ihrem Viertel geblieben...

     




Männer mit Erfahrung

Buchtipp von Franziska Baetcke
Castle Freeman: Männer mit Erfahrung. Zürich: Nagel & Kimche, 2016.

Auch wenn der Buchtitel etwas anderes nahelegt: die Hauptfigur in diesem Roman ist eine junge Frau. Sie heisst Lilian und lebt in einem abgelegenen Kaff, umgeben von dichten Wäldern, im US-Bundesstaat Vermont. Lilian wird von einem finsteren Typen namens Blackway bedroht. Als eines Morgens ihre Katze tot auf der Türschwelle liegt, ist sie sicher, dass Blackway sie umgebracht hat. Lilian hat Angst, aber sie ist auch mutig und stur. Sie beschliesst, den Spiess umzudrehen und Blackway eine Lektion zu erteilen. Dazu braucht sie: Männer mit Erfahrung. Der Sheriff verweist sie an Lester und Nate. Die beiden sehen zunächst zwar nicht so aus, als wären sie stark darin, Probleme zu lösen - aber der erste Eindruck täuscht, wie so oft.
Castle Freeman hat einen kurzen Thriller geschrieben, den ich atemlos verschlungen habe. Natürlich ist dieser Roman spannend. Natürlich ist er sehr gut geschrieben. Ganz überragend ist dann aber vor allem die Figurenzeichnung. Wie Freeman seine angeschlagenen Figuren mit wenigen Worten situiert, wie er die Atmosphäre im Wald, im Kaff und in den üblen Bars erzeugt und wie er die Beziehungen zwischen Lilian, Lester und Nate zart entstehen lässt, ist hinreissend. Dieses Buch liest man leicht und schnell - und gleichzeitig wünscht man sich bei jeder Seite, dass die Geschichte noch lange weitergeht.     






Eliot und Isabella

Buchtipps von Ruth Fassbind
Ingo Siegner: Eliot und Isabella und die Abenteuer am Fluss. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2016.

Stadtratte Eliot wird von den Fluten einer Überschwemmung aufs Land getrieben, wo er aber glücklicherweise auf die mutige Landratte Isabella trifft. Mit ihr macht er sich auf, einen Weg zurück in die Stadt zu finden. Dies geht selbstverständlich nicht ohne Hindernisse vonstatten, und so muss sich die Stadtratte der unbekannten Wildnis mit ihren besonderen Eigenheiten und Bewohnern stellen. Doch Eliot ist dafür mit einer speziellen Gabe gerüstet: Sein Spass an der Dichtkunst ermöglicht den beiden jungen Ratten in so mancher Situation erst ein Weiterkommen. Ingo Siegner hat die klassische Erzählung von der Stadtmaus und der Landmaus in einen besonderen Leseleckerbissen verwandelt. Er entführt seine jungen Leser/innen in eine bunte Abenteuerwelt voller Witz und Spannung, zu der er die passenden Bilder gleich selbst mitliefert.     




2 1/2 Gespenster

Regina Dürig: 2 ½ Gespenster. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2015.

Leo taucht aus dem Nichts auf, und ebenso verschwindet er eines Tages wieder. Die 16-jährige Jonna fühlt sich zu ihm hingezogen, kann aber das Geheimnis, das ihn umgibt, nicht lüften. Auf einmal steht er da in seinen roten Cowboystiefeln. „Eigentlich lieber nicht“, antwortet er auf die Frage, ob er bezahlen wolle. Jonnas Vater hilft ihm aus, und am Montag steht der junge Mann vor seiner Druckerei und fängt an zu arbeiten. Ob als Dank oder aus anderen Gründen bleibt offen. Jonna fühlt sich von Leo, der ganz allein in der Welt steht, angezogen. Dass er plötzlich verschwindet, um ein paar Tage später wieder aufzutauchen, macht es Jonna schwer, Vertrauen zu ihm zu aufzubauen. Und dabei hat sie schon genug Probleme mit der eigenen Familie: Immer dann, wenn ihre Eltern wieder einmal „Trennung spielen“, gerät der Alltag aus den Fugen. Dann zieht der Vater in die Druckerei im Hinterhof, und Jonna zieht oft gleich mit um. Ein wahres Wunder, dass sie in diesem Haushalt ihre Nerven und den Humor behält. Der Autorin gelingt es, in unprätentiöser, aber formvollendeter Sprache eine Familienkonstellation mit ihren ungelösten und verletzenden Konflikten zu schildern. Für ihren Roman erhielt die junge Autorin, die in der Schweiz lebt und schreibt, 2015 den Peter-Härtling-Preis. Aus der Jurybegründung: „In einer Balance der Ungewissheit hält Dürig die kurze Geschichte bis zum Ende. Und nein, es ist keine Liebesgeschichte. Nur beinahe.“ Die Geschichte ist faszinierend, bedrückend, humorvoll und so manchem Jugendlichen sicher bestens vertraut.






Die grosse Kälte


Buchtipps von Sabine Hofmann
Rosa Ribas und Sabine Hofmann: Die grosse Kälte. Reinbeck: Kindler, 2016.

Im Spanien der späten 50iger Jahre zur Zeit der Franco-Diktatur spielt diese beklemmende Geschichte, als das Land von einer unbarmherzigen Kältewelle heimgesucht wird. Die junge Journalistin Ana wird in ein abgelegenes Bergdorf geschickt, um herauszufinden, was es mit den Wundmalen an den Händen des Mädchens Isabel auf sich hat. Handelt es sich tatsächlich, wie von den durch Glaube, Armut und Abhängigkeit geprägten Dorfbewohnern bezeugt, um die Wundmale einer Heiligen? Oder verstecken sich dahinter nicht eher profanere Gründe, deren Aufdeckung die Mächtigen des Dorfes um jeden Preis zu verhindern wissen? Für Ana ist es nicht leicht, einen Zugang zu den verschlossenen Bewohnern des Dorfes zu finden und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Als ein totes Mädchen aufgefunden wird, verstärken sich ihre Zweifel, dass es sich bei den Verletzungen von Isabel tatsächlich um Stigmata handelt. Denn es ist bereits das zweite tote Mädchen, das gefunden wurde. Bis zum Ende spannend, von einem Klima der Angst und eisigen Kälte geprägt, eignet sich dieses Buch hervorragend für gemütliche, warme Stunden auf dem Sofa. Und nein: ich bin nebenbei keine Buchautorin!
     




We are in a book!


Mo Willems: We Are in a Book! Leipzig: Klett, 2015.

Es geht gar nicht anders, als beim Anschauen von Mo Willems' Büchern mit seinen beiden Figuren Piggie und Gerald in Heiterkeit zu verfallen. So auch bei diesem. Als Piggie bemerkt, dass sie und Gerald von einem Leser beobachtet werden (der Leser bin in diesem Falle ich), der ihre Sprechblasen liest, gibt es nur eine Erklärung dafür: sie sind in einem Buch! Die Freude ist so gross, dass beide Luftsprünge machen bis Piggie auf die Idee kommt, mit dem Leser in einen Dialog zu treten und ihn Wörter nachsagen lässt. Und es funktioniert! Das finden die beiden so komisch, dass sie in schallendes Gelächter ausbrechen und auf keinen Fall möchten, dass das Buch endet. Nur: wie stellen sie es an, dass das Buch nicht endet?





Nackte Hochzeit
  Buchtipp von Claudia Kovalik
Sven Hänke: Nackte Hochzeit – wie ich China lieben lernte. Berlin: Rowolt, 2016.

Nein, in diesem Buch geht es nicht um Obszönitäten. Eine „Nackte Hochzeit“ ist für die Chinesen eine Heirat aus Liebe, ohne materielle Absicherungen wie eine Eigentumswohnung, ein Auto oder viel Bargeld zu besitzen. Materieller Wohlstand – vor allem derjenige des Bräutigams in spe – ist in China eine sehr wichtige Voraussetzung für eine Heirat.
Der Autor Sven Hänke ist so ein mittelloser („nackter“) Bräutigam und wird von der Familie der Braut misstrauisch beäugt – zumal er doch ein Weisser aus dem vermeintlich so reichen Westen ist.
Mit Witz und Selbstironie beschreibt Sven Hänke die (für uns vielfach unverständlichen) chinesischen Bräuche und Sitten, die vielen kulturellen Missverständnisse und mannigfaltigen Hürden , die er nehmen muss, um seine Schwiegereltern in spe von seinen Qualitäten zu überzeugen und seine geliebte Dingding schlussendlich vor den Altar führen zu dürfen.
Die Kulturschocks auf beiden Seiten werden wunderbar erfrischend erzählt und mancherorts die Lachmuskeln strapaziert – der Leser erfährt aber auf unterhaltsame Art auch viel Wissenswertes über China, dessen Denkweise und Kultur.